Bundesverband fordert stabile Bürgersender in NRW – Protest Landesverband, weil Förderung NRWision passé
Duisburg/Wolfsburg, 10. Juli – Das über Jahre schleichende Sterben des gemeinnützigen Bürgerrundfunks in Nordrhein-Westfalen geht weiter. Nun lässt die Landesanstalt für Medien NRW zum Jahresende 2026 auch noch die Förderung der Bürgermedien-Plattform NRWision auslaufen. Als Bundesverband Bürgermedien sehen wir darin einen weiteren drastischen Abbau von Medienvielfalt und lebendiger Demokratie vor Ort. Denn Bürgersender stehen für lokale und regionale Information, Meinung und zugangsoffene Teilhabe der Menschen am Sendegeschehen. Wir fordern deshalb von Medienanstalt und Medienkommission NRW eine stabile und verlässliche Förder-Perspektive für Bürgersender und unterstützen folgenden Offenen Brief des NRW-Landesverbandes Bürgermedien:
Sehr geehrte Damen und Herren,
die beschlossene Streichung der Förderung für die Bürgermedien in Nordrhein-Westfalen durch die Landesanstalt für Medien NRW – hier das Aus der Förderung der Bürgermedien-Plattform NRWision ab 2027 – ist ein kultur- und demokratiepolitischer Fehler von erheblicher Tragweite.
Dabei geht es nicht um ein „Nice-to-have“, das man in Haushaltsdebatten beiläufig streichen kann. Es geht um konkrete, gelebte demokratische Praxis vor Ort. Es geht um Menschen, die sich engagieren, ohne kommerzielle Interessen, ohne große Budgets – aber mit Haltung, Kreativität und dem Willen, ihre Gesellschaft mitzugestalten.
Beispiele von vielen in NRW sind das lokale Engagement von Studiotv und dem Apfelstadtradio in Tönisvorst, das Medienforum Münster, das Medienforum Duisburg, Kanal 21 oder das Sälzer Fenster. Überall und an vielen weiteren Orten entstehen Beiträge, die lokale Themen sichtbar machen, die sonst keinen Platz im medialen Mainstream finden. Überall lernen Menschen, Kinder und Jugendliche Medienkompetenz – nicht theoretisch, sondern praktisch. Überall wird Öffentlichkeit geschaffen – von Bürgerinnen und Bürgern für Bürgerinnen und Bürger.
Wer konkret verliert, wenn NRWision wegfällt
Der Wegfall trifft dabei nicht alle gleich. Schulen und Bildungseinrichtungen etwa, die aus guten Gründen nicht auf privatwirtschaftlichen Intermediären veröffentlichen wollen oder dürfen ( wegen Datenschutz für Minderjährige, wegen ihres pädagogischen Auftrags, keine Einbindung in kommerzielle, algorithmisch getriebene Umgebungen) verlieren mit NRWision schlicht ihre einzige Plattform. Ein Ausweichen auf YouTube, Instagram oder vergleichbare Angebote ist für diese Einrichtungen häufig keine Option, sondern ein Ausschluss.
Für Menschen mit Behinderungen ist eine redaktionell betreute, barrierearme Plattform besonders wertvoll. Redaktionelles Feedback vor der Veröffentlichung und Unterstützung bei der Produktion ermöglichen Teilhabe unabhängig von individuellen Voraussetzungen – eine Funktion, die ein rein technischer Verteilkanal ohne Redaktion überhaupt nicht leisten kann.
Auch ältere Menschen brauchen ein übersichtliches, niedrigschwelliges Angebot. Wer keinen YouTube-Account nutzt oder sich nicht durch einen algorithmisch sortierten Feed navigieren möchte, sondern eine feste, leicht auffindbare Anlaufstelle braucht, verliert mit dem Wegfall von NRWision genau diesen Zugang.
Warum ein Kanal bei einem Intermediär die eigene Plattform nicht ersetzen kann
Ein YouTube-Kanal als Wegweiser zur eigenen Plattform ist sinnvoll – als vollständiger Ersatz ist er es nicht. Auch ein nichtkommerziell genutzter Kanal bei YouTube bleibt von der Infrastruktur eines einzelnen, nicht in NRW ansässigen Unternehmens abhängig, und es bleibt offen, wer die redaktionelle Begleitung und Qualitätssicherung übernimmt, die bislang die NRWision-Redaktion leistet.
Die Verwaltung der LfM hat der Medienkommission am 12. Juni bereits ein Konzept und den Entwicklungsstand zur medialen Vielfaltssicherung vorgestellt, das einen YouTube-Kanal und perspektivisch eine europäische Plattform vorsieht – wann auch immer die kommen wird. Damit verlagert sich die Bürgermedienarbeit in NRW strukturell in die Abhängigkeit einzelner, nicht in Europa ansässiger Technologiekonzerne – eine Richtung, die aus unserer Sicht mit erheblichen Risiken verbunden ist.
Eine Kapitulation vor Big Tec: Ausgerechnet eine Regulierungsbehörde, die für die Begrenzung der Macht globaler Tech-Konzerne zuständig ist, treibt die regionalen Bürgermedien damit in die vollständige Abhängigkeit genau dieser US-Intermediäre und gibt die digitale Souveränität des Medienlandes NRW leichtfertig auf.
Das Diktat des Algorithmus: Auf YouTube entscheiden rein kommerzielle Klick-Algorithmen über Sichtbarkeit. Lokale Beiträge und hochspezifische, inklusive Programme werden dort gnadenlos unsichtbar gemacht. NRWision hingegen garantiert Relevanz und Sichtbarkeit unabhängig von wirtschaftlichen Verwertungslogiken.
Die Entscheidung, NRWision nicht weiter zu fördern, trifft die Schwächsten im System besonders hart: besonders betroffen sind kleine, nichtkommerzielle Projekte, Bildungseinrichtungen und einzelne Kreative mit besonderem Unterstützungsbedarf, die auf verlässliche redaktionelle Strukturen angewiesen sind.
Schutz der Jugend, der Nutzer*innen und der Vielfalt voll vor die Wand gefahren
Die Entscheidung, NRWision nicht weiter zu fördern, sendet ein fatales Signal, nämlich …
- dass unabhängige, nichtkommerzielle Stimmen verzichtbar seien;
- dass Medienvielfalt nur dort zählt, wo sie sich rechnet;
- dass demokratische Teilhabe an Budgetgrenzen scheitern darf;
- dass Barrierefreiheit und Inklusion in der Medienlandschaft nachrangig sind, sobald es um Kosten geht.
Ist das wirklich das Verständnis von Medienpolitik, die Nordrhein-Westfalen vertreten will? Nordrhein-Westfalen würde damit als erstes Bundesland eine klassische, redaktionell betreute Bürgermedienplattform vollständig abschaffen – ein bundesweit wahrgenommener Schritt, der dem Ruf des Medienlandes NRW nachhaltig schaden dürfte. Das darf nicht sein.
Gerade in Zeiten von Desinformation, wachsender gesellschaftlicher Spaltung und sinkendem Vertrauen in etablierte Medien braucht es mehr – nicht weniger – Räume für unabhängigen Austausch. Bürgermedien sind solche Räume. Sie sind Werkstätten und Perlen der Demokratie.
Was durch die Streichung der Förderung von NRWision zur Disposition steht, ist keine leere Hülle, sondern das sind 17 Jahre aufgebautes redaktionelles Wissen, eingespielte Qualitätssicherung und das Vertrauen hunderter Produzenten. Das lässt sich nicht auf Wiedervorlage legen und bei Bedarf neu starten – einmal abgewickelt, ist es verloren.
Wer hier kürzt, spart nicht – er demontiert.
Wir fordern Sie nachdrücklich auf, die Entscheidung, NRWision nur noch bis Ende 2026 zu fördern, zurückzunehmen und sich aktiv für eine Fortsetzung der Förderung von NRWision einzusetzen. Den geplanten Umstieg auf einen YouTube-Kanal als Ersatz für eine eigene, redaktionell betreute Bürgermedienplattform lehnen wir ab – aus den genannten Gründen kann er NRWision nicht gleichwertig ersetzen.
Unser Medienland NRW braucht den entschlossenen Erhalt, die konsequente Weiterentwicklung und eine massive Förderung der Bürgermedien in Nordrhein-Westfalen.
Die Konsequenzen der Reduzierung der Förderung der Bürgermedien werden langfristig spürbar sein – für die Medienvielfalt, für die politische Bildung, für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Für eventuelle Rückfragen erreichen Sie Jürgen Mickley immer auch gerne unter 0176 21952424.
Mit freundlichen Grüßen
Vorstand LBM-NRW e.V.
Frank Brettschneider
Michael Franken
Jürgen Mickley